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“Finale Entscheidung noch nicht getroffen” – Tim Reichert über Zukunft von Schalke 04 Esports

Schalke 04 Esports bestreitet in diesem Jahr seine letzten Matches in der europäischen Königsklasse LEC. Chief Gaming Officer Tim Reichert spricht über die Verhandlungen, den Verkauf der LEC-Lizenz und die Zukunft der Königsblauen im Esport.

Der FC Schalke 04 verkauft die wertvolle LEC-Franchise-Lizenz und verkündet somit das Ende seines Esport-Aushängeschilds. Chief Gaming Officer Tim Reichert spricht im Interview über die schwierige Situation des Vereins, wie es mit der Esport-Abteilung weitergeht und über seinen eigenen Weg. 

Tim Reichert, es liegen Monate der Anspannung hinter Ihnen. Jetzt ist der Verkauf der LEC-Lizenz von Schalke 04 Esports fix. Wie haben Sie die vergangenen Tage persönlich für sich verarbeitet?

Tim Reichert: Erleichtert bin ich. Es war ein anstrengender Prozess. Für uns war es wichtig, eine zeitnahe Lösung erfolgreich abzuschließen. Leider hat sich der Abschied angedeutet. Nach dem fünften Spieltag der vergangenen Bundesliga-Saison, inklusive dem 0:8 gegen Bayern München, war mir klar: Boa, das wird schwer. Weil gleichzeitig die Corona-Pandemie dem Verein finanziell zu schaffen machte, war der Platz in der LEC kaum noch zu halten. Die LEC-Entwicklung war sensationell, sodass es immer deutlicher wurde, das Tafelsilber verkaufen zu müssen.

Video: Was Das?! Darum ist der Abschied von Schalke so schmerzhaft für den Esport

Eine große Ära für Schalke 04 und den deutschen Esport geht somit in diesem Jahr in der LEC zu Ende. Warum war der Kampf um den Verbleib vergebens?

Tim Reichert: Wir haben unterschiedliche Handlungsoptionen geprüft. Letztlich hätte es ein Weiter so unter den Rahmenbedingungen nicht geben können. Neben der Verkaufsoption haben wir mit einigen strategischen Investoren verhandelt. Allerdings hätten wir im Gegenzug auch die Mehrheit der Schalke 04 Esports GmbH abgeben müssen. Das hätte Fragen am gesamten Verbleib und der eigenen Marke aufgeworfen. Am Ende war es so, dass wir ein lukratives Angebot zum Verkauf der Lizenz unterschriftsreif vorliegen hatten, als der Verein eine Entscheidung treffen musste.

Die Verkaufssumme ist mit 26,5 Millionen Euro dotiert, über das Dreifache der damaligen Investition von Schalke 04 Esports. Wäre ohne die Not des Vereins noch mehr drin gewesen?

Tim Reichert: Tatsächlich hatte unsere allgemeine Situation wenig Einfluss auf den Verkaufspreis. Das Interesse und die Nachfrage waren extrem hoch für die LEC-Lizenz. Interessenten, die sich gegenseitig überboten haben, gab es im zweistelligen Bereich.

Natürlich wollten wir bis Ende Juni einen Abschluss für diese Thematik haben. Vielleicht wäre es später noch besser oder schlechter gelaufen. In die Zukunft können wir nicht schauen. Allerdings bin ich der Meinung, dass solch ein Verkaufspreis erst einmal nachgemacht werden muss. Für mich gibt dieser Deal den aktuellen Marktwert sehr gut wieder.

Die S04 Esports GmbH agiert eigentlich unabhängig vom Kerngeschäft. Wie hart ist die Erkenntnis, dass die Abteilung doch nicht autonom genug sein konnte?

Tim Reichert: Das ist keine harte Erkenntnis. Dem Verein gehören wir zu 100 Prozent und ohne Schalke 04 wäre das Engagement in der LEC mit dem Kauf des Slots nicht möglich gewesen. Natürlich waren wir selbstständig und haben unser Geschäft unabhängig aufgebaut. Die aktuelle Entscheidung muss man allerdings davon abstrahieren. Es geht darum, dass die Mutter zur Stabilisierung des Kerngeschäfts finanzielle Mittel benötigt, da ist es natürlich, dass Assets verkauft werden. In diesem Falle hat es den Esport getroffen, weil wir etwas sehr Wertvolles geschaffen haben.

Wird Schalke 04 Esports als eigenständige Abteilung weiterhin bestehen bleiben? Was passiert mit den Teams in der Prime League und den anderen Titeln wie FIFA?

Tim Reichert: Die finale Entscheidung ist noch nicht getroffen. Die nächsten Wochen werden Aufschluss darüber geben, wie sich Schalke 04 Esports künftig aufstellen wird. Durch das Fundament, das wir in League of Legends gelegt haben, wäre der Verbleib in der Prime League wirtschaftlich umsetzbar. Trotzdem bleibt die Frage, ob sich Schalke 04 nicht sogar komplett auf das Kerngeschäft fokussieren will.

Ob wir in der Prime League mit unserem LoL-Team weitermachen, muss bis Oktober entschieden werden. In Titeln wie FIFA und PES ist das etwas früher, eher bis September. Die FIFA- und PES-Jungs sind spezielle Fälle. Die wollen gerne zeitnah wissen, wie es weitergeht. Ein wenig gedulden müssen sie sich aber noch. Es steht den Spielern natürlich frei, auch andere Optionen abzuwägen.

Gesetzt den Fall, dass sich Schalke 04 erholt: Wäre ein Comeback in den international hochklassigen Esport denkbar?

Tim Reichert: Beim jetzigen Stand ist es schwer vorstellbar, dass Schalke sich das mit den aktuellen Gegebenheiten leisten kann. Das wäre nur bei Vereinen wie Bayern München, RB Leipzig und VfL Wolfsburg denkbar – aber auch nur wegen den Konzernen dahinter.

Ich bin zwar der Meinung, niemals nie zu sagen. Falls Schalke 04 in die Bundesliga aufsteigt und wieder ein paar Toptalente für viel Geld verkaufen kann, sieht die Welt vielleicht wieder ganz anders aus. Doch derzeit ist es unwahrscheinlich, nochmal ein Investment im internationalen LoL-Esport zu tätigen – gerade bei den zu erwartenden Preissteigerungen.

Sie haben bereits verkündet, dass Sie Schalke 04 verlassen werden. Warum haben Sie diesen Entschluss getroffen? Gibt es Optionen oder gibt es Alternativen?

Tim Reichert: Zum Ende des Splits werde ich Schalke 04 verlassen. Den Entschluss habe ich zeitnah gefasst. Mit der vorgeschlagenen Investoren-Lösung wäre ich den weiteren Weg mitgegangen. Doch ich bin beruflich sehr ambitioniert. Diese Ambitionen lassen sich ohne den LEC Slot mit Schalke 04 Esports nicht vereinen.

Ich möchte in meiner Karriere weiterhin Unternehmen aufbauen und ambitionierte Projekte umsetzen. Zunächst könnte ich mir sogar ein paar Monate Pause vorstellen. Die Zeit mit der Familie ist mir wichtig, vor allem weil das bei so einem intensiven Job wie diesem manchmal zu kurz kommt. Es gibt aktuell aber viele interessante Optionen. Drei Szenarien habe ich vor Augen.

Eine leitende Rolle in der Geschäftsführung einer reinen Esport-Organisation wäre ein möglicher Schritt für mich. Doch auch in der Verantwortung eines klassischen Unternehmens zu stehen, wie ich es aus dem Sport-Marketing kenne, ist eine Option. Selbst der klassische Fußball wäre eine Möglichkeit. Ich war immerhin selbst Profi und habe mir ein gewisses Know-how aneignen können.

Welche Momente mit Schalke 04 Esports werden Sie nie vergessen?

Tim Reichert: Zwei besondere Momente ragen für mich heraus. Dazu gehört das Summer-Playoffs-Finale der EU LCS 2018. Gegen Fnatic haben wir das erste Spiel in Madrid gewonnen und diese wahnsinnige Atmosphäre mit tausenden Zuschauern, die ich selbst im Fußball so nicht kannte, war atemberaubend. Zudem war der Aufstieg in die LEC sehr befreiend nach dem Jahr in der Challenger Series. Aber dann konnten wir die allerletzte Chance nutzen, um in die Liga zurückzukommen. Ohne diesen Aufstieg wäre ein Platz im darauffolgenden Franchise-System wohl nicht möglich gewesen.

Viele kleine Momente haben mir immer wieder Freude bereitet. Dazu gehörte die Entwicklung von Spielern und der Austausch mit den Fans. Manchmal war es extrem anstrengend, den jungen Leuten zu zeigen, was professioneller Sport mit sich bringen muss. Doch zu sehen, wie sie weiter an sich gearbeitet haben, war immer ein großes Vergnügen. Für unseren Abschied aus der LEC bereiten wir noch etwas Cooles vor. Das präsentieren wir allerdings erst, sobald es spruchreif ist. Auf jeden Fall wird es ein Abschied zusammen mit den Fans und der Community sein.

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Bildquelle: Schalke 04 Esports