8. November 2019
League of Legends

Kolumne: Darum holt G2 die LoL-Worlds für Europa

Am kommenden Sonntag wird etwas Historisches passieren. Das europäische Team G2 Esports wird Weltmeister in League of Legends und die Worlds gewinnen. Da lege ich mich fest. Nach fast einem Jahrzehnt asiatischer und überwiegend südkoreanischer Dominanz hat das nun ein Ende. Nicht dieses Jahr Asien, nicht in diesem Jahr!

Als ich vor über acht Jahren mein erstes professionelles Spiel von League of Legends gesehen habe, standen sich Fnatic und against All authority gegenüber. Zwei europäische Teams hatten sich 2011 auf der DreamHack im schwedischen Jönköping um 50.000 US-Dollar Preisgeld duelliert. In irgendeiner dunklen Ecke, irgendwo auf dem Gelände, zwischen irgendwelchen anderen Spielen trug sich irgendwann die erste League-of-Legends-Weltmeisterschaft zu.

Liebevoll wurde der Austragungsort im Nachhinein “Phreaks Basement” genannt. David “Phreak” Turley war damals einer der Kommentatoren des Finales und das Gesicht der damaligen Szene. Am Ende des Turniers streckte Fnatic den überdimensionalen Scheck in die Luft. Der erste Weltmeister in League of Legends kam also aus Europa und die Faszination eSport hatte mich in diesem Moment in seinen Bann gezogen. Diese Leidenschaft hat mich nicht wieder losgelassen.

Die ersten Weltmeister in League of Legends (v.l.n.r.): Peter “Mellisan” Meisrimel, Manuel “LaMiaZeaLoT” Mildenberger, Maciej “Shushei” Ratuszniak, Lauri “Cyanide” Happonen, Enrique “xPeke” Cedeño Martínez und Bram “wewillfailer” de Winter

Nie wieder ein Titel für Europa?

So, wie Ich das Finale im Sommer 2011 erlebt habe, sollte es allerdings viele Jahre nicht mehr werden. Durch die Professionalisierung der Szene und größeren Preisgelder schwand die Relevanz der europäischen Team mehr und mehr. Bei der zweiten Weltmeisterschaft 2012 ging es bereits um 1.000.000 US-Dollar Preisgeld. Das Finale wurde vor tausenden Zuschauern im Galen Center in Los Angeles ausgetragen worden. Damals war das russische Team Moscow Five zwar noch vor dem Turnier als Favorit gehandelt, doch am Ende verlor das Team im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Taipei Assassins aus Taiwan.

Der Trend der asiatischen Vormacht setzte sich über Jahre fort. Jahr um Jahr sah ich, wie die asiatischen Teams im Finale standen und den Titel unter sich ausmachten. Von 2013 bis 2017 gewann immer ein südkoreanisches Team die Weltmeisterschaft. Nie wieder stand ein europäisches Team im Finale. Nie war es knapp davor, ins Finale einzuziehen.

Und nie hatte die Community große Hoffnungen, dass es ein europäisches Team wieder ins Finale schafft. Das südkoreanische Team SK Telecom T1 (SKT) dominierte über Jahre hinweg die Weltmeisterschaften. Ich sah SK Telecom T1 gerne zu und konnte so League of Legends auf höchstem Niveau bewundern. Doch so sehr ich SKT auch mochte, einen europäischen Sieger hätte ich viel lieber gesehen.

SK Telecom T1 gewann 2013 (links), 2015 (mitte) und 2016 (rechts) die Weltmeisterschaft. Jedes mal dabei war der beste Spieler aller Zeiten: Lee “Faker” Sang-hyeok.

Hoffnungsschimmer 2018?

Vergangenes Jahr hatte mir der erste Weltmeister Fnatic dann tatsächlich nochmal echte Hoffnung gegeben. Mit einem super gespielten und souveränen Turnierverlauf hatte ich voller Vorfreude das Finale erwartet. Fnatic schlug seine Gegner mit Leichtigkeit und zog ins Finale ein. Zum ersten Mal seit der Weltmeisterschaft 2011 war ein europäisches Team im Finale. Ich hab voller Vorfreude auf das Finale hingefiebert und wurde dann doch enttäuscht. Das Finale war eine einseitige Angelegenheit und Fnatic enttäuschte mich auf ganzer Linie.

Gegenüber der Fan-Gemeinde von Fnatic hege ich seit langer Zeit eine gewisse Antipathie. Der Grund dafür wurde nach dem verlorenen Finale 2018 erneut besonders deutlich. Ausreden über Ausreden stapelten sich in den sozialen Medien und den diversen Foren. Keiner der Fans wollte wahrhaben, dass Fnatic nicht mit dem besten Team der Welt mithalten konnte. Erst recht nicht, wenn es zu einer solchen Drucksituation kommt, wie im Finale der Worlds. Tagelang hörte das beinah weinerliche Ausreden suchen nicht auf, bis dann schlussendlich doch andere Themen den Tagesablauf beherrschten.

Im Finale stand wieder ein europäisches Team – das war ein großer Schritt in die richtige Richtung. Doch eins macht den gewissen Unterschied: Top-Teams können das Finale erreichen – doch nur das Beste gewinnt das Finale. Für Fnatic reichte es nicht zum besten Team. Invictus Gaming aus China wurde Weltmeister und fertigte zunächst G2 Esports im Halbfinale mit 3:0 ab, ehe im Finale auch Fnatic 3:0 zerstört wurde. Das Zeitalter von Südkorea mag vielleicht langsam zu Ende gehen, doch das Zeitalter von Asien war noch lange nicht abgeschlossen.

Die Spieler von Invictus Gaming feiern ihren Titel (v.l.n.r.): Lee “Duke” Ho-seong, Kang “TheShy” Seung-lok, Gao “Ning” Zhen-Ning, Song “Rookie” Eui-jin, Yu “JackeyLove” Wen-Bo, Wang “Baolan” Liu-Yi.

Alles wird anders in diesem Jahr!

Nach dem vergangenen Jahr hatte ich mir vorgenommen, nicht noch einmal mein Vertrauen in ein europäisches Team zu setzen. Schlussendlich würde ich wieder nur enttäuscht werden. Oder? Nein, ich werde nicht enttäuscht werden. Denn alles wird anders in diesem Jahr! G2 Esports hat das mit Abstand beste europäische Team aller Zeiten. Ein Team voller Starspieler, dass sowohl im Spiel als auch abseits der Monitore harmoniert gab es noch nie. Seit Anfang des Jahres hat G2 Esports alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Das Team wurde zwei mal europäischer Meister, gewann das internationale Mid-Season Invitational und bisher jede Serie bei der Weltmeisterschaft. Wer soll dieses Team stoppen?

Vor diesem Turnier habe ich im Ernst gesagt, dass mein Titelfavorit der Finalgegner FunPlus Phoenix ist. Doch allerspätestens seit dem Halbfinale von G2 Esports gegen den Rekordweltmeister SK Telecom T1 muss ich mich meiner Euphorie hingeben. Die Europäer konnten sich aus jeder Lage befreien und fanden immer einen Weg die Spiele noch zu drehen. Diese Fähigkeit haben nur die aller wenigsten Teams in der Geschichte des Spiels. Kein Rückstand scheint zu groß und kein Sieg unmöglich.

Sowas zeichnet das beste Team der Welt aus und daher lege ich mich fest: In diesem Jahr wird G2 Esports nach über acht langen Jahren die Weltmeisterschaft für Europa gewinnen. Um es mit den leicht veränderten Worten des deutschen Kommentators Maxim Markow zu sagen: “Nicht dieses Jahr Asien! Nicht in diesem Jahr!”

Bildquelle: Riot Games
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